ARD und ZDF setzen auf persönliche Reportagen – doch riskieren sie ihre Glaubwürdigkeit?
Joseph KreuselARD und ZDF setzen auf persönliche Reportagen – doch riskieren sie ihre Glaubwürdigkeit?
ARD und ZDF experimentieren mit mutigen neuen Reportageformaten, um jüngere Zuschauer zu erreichen. Die Programme setzen auf eine persönliche Erzählweise in der Ich-Perspektive, bei der Reporter zu zentralen Figuren ihrer eigenen Berichte werden. Damit brechen die öffentlich-rechtlichen Sender bewusst mit der traditionellen journalistischen Betonung von Objektivität und Distanz.
Die Formate stoßen auf Resonanz, doch bleiben Fragen zu ihrer langfristigen Wirkung und journalistischen Ausgewogenheit.
Eine aktuelle Studie analysierte fünf Reportagereihe von ARD und ZDF, die sich gezielt an 14- bis 29-Jährige richten. Diese Sendungen setzen auf emotionale, persönlich geprägte Erzählweisen, bei denen die Reporter oft zugleich Erzähler und Hauptquelle sind. Für junge Zuschauer wirkt dieser Stil authentischer und glaubwürdiger als klassische Nachrichtenformate.
Doch der Ansatz birgt Risiken: Dominiert die Perspektive des Reporters zu stark, rückt das eigentliche Thema in den Hintergrund. Erste Anzeichen deuten zudem darauf hin, dass das Interesse junger Zuschauer nachlässt, je mehr ähnliche "ich-zentrierte" Formate entstehen.
Das klassische Fernsehen bleibt bei älteren Zielgruppen weiterhin stark. hallo deutschland von ZDF etwa hält stabile Marktanteile von 16,5 bis 16,7 Prozent und erreicht regelmäßig 1,76 bis 1,86 Millionen Zuschauer. Doch der Einfluss des linearen Fernsehens auf junge Menschen schwindet – Streaming und soziale Medien verändern die Sehgewohnheiten nachhaltig. Selbst erfolgreiche Hybridformate wie ZDFs Terra X spiegeln diesen Wandel wider: Während die lineare Ausstrahlung 2023 im Schnitt 3,55 Millionen Zuschauer verzeichnete, verzeichnete die Mediathek einen Anstieg von 6,34 Millionen Aufrufen (2010) auf über 30 Millionen, und auf YouTube wurden 175 Millionen Klicks gezählt.
Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen nun vor einer Herausforderung: Wie lässt sich die persönliche Ansprache, die junge Zuschauer anspricht, mit journalistischer Sorgfalt verbinden? Die Studie warnt, dass ohne diese Balance die Glaubwürdigkeit der Formate leiden könnte.
Die Reportage in der Ich-Perspektive hat sich im öffentlich-rechtlichen Rundfunk etabliert und bietet einen frischen Zugang zu jüngeren Zielgruppen. Ihre Zukunft hängt jedoch davon ab, das richtige Gleichgewicht zwischen emotionaler Nähe und solider Berichterstattung zu finden.
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass diese Formate bleiben werden – ihr Erfolg aber davon abhängt, sich über repetitive "Ich-Erzählungen" hinauszuentwickeln. Die Sender müssen sicherstellen, dass im Mittelpunkt die Geschichten selbst stehen – und nicht nur diejenigen, die sie erzählen.






