Kratzers provokante Schumann-Inszenierung polarisiert an der Hamburger Staatsoper
Artur HofmannKratzers provokante Schumann-Inszenierung polarisiert an der Hamburger Staatsoper
Die Hamburger Staatsoper präsentiert eine mutige Neuinszenierung von Robert Schumanns Das Paradies und die Peri unter der Regie von Tobias Kratzer
Die Uraufführung der Produktion sprengte konventionelle Grenzen: Die Darsteller gingen in direkten Austausch mit dem Publikum, während die Inszenierung brennende gesellschaftliche Themen aufgriff. Die Reaktionen fielen überwiegend begeistert aus – wenn auch nicht ohne kritische Stimmen.
Das Oratorium, inspiriert von einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh, erhielt eine überraschend zeitgenössische Deutung. Kratzer und Bühnenbildner Rainer Sellmaier verlegten die Handlung in die Gegenwart und zeigten Alltagsmenschen, die in einen Straßenkrieg hineingezogen werden – angeheizt von einem weißen Hetzer. Im Zentrum stand ein sterbender junger Schwarzer, der sich einem Anführer widersetzte; Szenen kollektiver Gewalt und Bühnensblut unterstrichen die politische Botschaft mit schonungsloser Deutlichkeit.
Der dritte Akt thematisierte explizit die Klimakrise: Kinder spielten unter einer Plastikkuppel, während Industrieschlote Abgase ausstießen – eine drastische Visualisierung ökologischer Dringlichkeit. Gleichzeitig durchbrach der Chor die vierte Wand, bewegte sich frei durch den Zuschauerraum und wurde immer wieder vom Licht in den Saal gerissen.
Dirigent Omer Meir Wellber führte die Philharmoniker Hamburg zu einer mitreißenden Leistung, wobei die orchestrale Wucht die Solisten mitunter überlagerte. Besonders einprägsam war die Peri-Sängerin Vera-Lotte Boecker, die über die Zuschauerreihen kletterte, um sich neben eine weinende Besucherin zu setzen – eine Geste, die Empathie als Tor zum Paradies symbolisierte.
Die Premierenserie umfasst zudem neu kuratierte Musiktheaterabende wie Monster's Paradise und Frauenliebe und -sterben. Kratzer, kürzlich zum "Regisseur des Jahres" gekürt, betont seinen Anspruch, die Oper für ein breiteres Hamburger Publikum zu öffnen.
Das Publikum reagierte überwiegend jubelnd mit lang anhaltendem Applaus und nur vereinzelten Buhrufen. Kratzers Vision – eine Mischung aus Gesellschaftskritik und immersivem Theater – setzt einen provokanten Akzent für seine Amtszeit. Die Inszenierung markiert einen bewussten Schritt, die Stadtgesellschaft auf ungewöhnliche, frische Weise einzubinden.






